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Physiotherapie in der Rickatschwende

Die Anatomie des Wohlfühlens

Sie sind einfühlsam, robust und teamfähig. Sie interessieren sich für andere Menschen und haben Geduld und die Gabe, andere zu motivieren. Zusammen sind sie ein unschlagbares Team – Nicole, Timea und Simone, die Physiotherapeutinnen der Rickatschwende.

 

TEXT Marlene Mendel   FOTOS Marina Schedler
 

Als Timea Kohlhaupt in Ungarn ihre dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin abschloss, wurde sie mit Arbeitsangeboten aus Vorarlberg überhäuft. Über Zwischenstationen landete sie 1997 schließlich in der Rickatschwende. Seit damals arbeitet sie hier, ausgenommen ihre Kinderpausen. „Anfangs waren wir zu zweit“, sagt sie, „aber so wie sich das Hotel vergrößerte, stieg auch der Bedarf an Therapeutinnen.“ Ihre langjährige Kollegin ist Nicole Kuster. Sie absolvierte ihre Ausbildung in Innsbruck, begann vor 17 Jahren im Kurhotel und kehrte nach der Karenzzeit vor drei Jahren wieder zurück. Simone Reich, die jüngste in der Runde, lernte in Wien, arbeitete eineinhalb Jahre in der Rickatschwende, ging in Mutterschutz und kam im Spätherbst 2019 wieder. Weil der Hotelbetrieb große Flexibilität verlangt, arbeiten alle drei Teilzeit.

Sie verstehen sich gut untereinander und lieben ihre Arbeit, weil sie abwechslungsreich und vielseitig ist. „Wir sind keine Turnlehrerinnen, die nur Übungen vormachen“, sagt Timea, „zu unserer Arbeit gehört mehr.“ In der Manual-Therapie arbeiten sie mit ihren Händen am Körper der Patienten, sie drücken und ziehen, arbeiten an Muskeln, Gelenken und Triggerpunkten, lösen Schmerzen und verwenden diverse Hilfsmittel wie etwa die Elektrotherapie. Die aktive Bewegung kommt dazu.
 
 
 
Einfach neu durchstarten

Aber wie fängt man an, sich zu bewegen, wenn man es zehn Jahre lang nicht mehr getan hat? Gar nicht so einfach. Wenn Menschen Schmerzen bekommen, schauen sie sich Videos an und versuchen die Übungen der durchtrainierten, schlanken Trainerinnen mitzumachen, bei denen jede Bewegung kinderleicht und anmutig aussieht. Sie können nicht mithalten, die Schmerzen werden womöglich stärker und sie geben frustriert auf. Ihnen muss geholfen werden. Ein, zwei Übungen für den Anfang. Die Mayr Kur ergänzt die Arbeit der Physiotherapeutinnen ideal. Sie bereitet den Körper gut vor. „Wir merken natürlich, dass die Leute bei uns entspannt sind“, sagt Nicole, „sie müssen nicht arbeiten, sind weit weg von ihrem Alltag und können sich auf sich selbst konzentrieren.“ Nach ihrem Aufenthalt bekommen die Gäste einen Plan mit Übungen mit. Sie fahren damit nach Hause, wissen genau, was sie tun können und beginnen, ein neues Gefühl für ihren Körper zu entwickeln.
 
„In Wahrheit zwickt’s doch jeden irgendwo“, sagt Nicole. „Zum Arzt geht man deswegen noch lange nicht, aber plagen tut’s einen halt doch.“ Ein großer Vorteil in der Rickatschwende ist, dass man sich in ruhiger Atmosphäre jedem noch so kleinen Problem widmen kann. Und wenn sich der Schmerz noch nicht über viele Jahre verfestigt hat, lässt er sich mit wenig Übungen relativ gut auflösen.
 
 
 
Hauptsache, in Bewegung bleiben
 
Die Therapeutinnen freuen sich mit, wenn sich das Wohlbefinden der Gäste schnell verbessert. Als Nachteil empfinden sie, dass sie die meisten Gäste nur drei- oder viermal sehen und auf ihrem Weg danach nicht begleiten können, wie es sonst in einer Praxis der Fall ist. Anders ist das bei Stammgästen, die jährlich wiederkommen, mit ein oder zwei Übungen beginnen und nach etlichen Jahren ein ganzes Übungsprogramm mit nach Hause nehmen.
 
Timea, Nicole und Simone haben alle Arten von Patienten – die sehr beweglichen, sportlichen, trainierten, die in gutem Kontakt mit ihrem Körper sind, und die anderen, die verlernt haben, sich zu spüren, wieder in Schwung kommen wollen und nicht wissen wie, weil sie entweder zu viel oder zu wenig informiert sind. Individuell versuchen sie auf jeden einzugehen. Jeder soll wissen, was für eine Bewegung passend ist. „Wir wollen die Eigenverantwortung der Menschen schulen.“
Zusätzlich bieten die drei Frauen ein abwechselndes Programm an, das im Pauschalpreis enthalten ist. Dazu gehören: Wirbelsäulen-, Wasser- und Therabandgymnastik sowie Übungen am Balance Pad, bei denen das Gleichgewicht geschult wird.
 
Jeder Körper braucht irgendeine Form von Bewegung. „Es muss nicht das Fitnesscenter sein“, sagt Timea. „Manchmal reicht es schon, eine halbe Stunde zügig zu gehen“, ergänzt Simone. „Es gibt so viele Möglichkeiten“, sagt Nicole, die in ihrer Freizeit Rad und Ski fährt, Touren geht und surft. Wählerisch ist sie nicht – Hauptsache Bewegung. Timea liebt Yoga, Zumba und vieles mehr. Nicole schätzt ihre Stunden mit dem Theraband, die sie für Gäste anbietet – nach ihrer Karenzzeit auch für sie selbst genau das Richtige, um wieder in Schwung zu kommen.
 
Und dann gibt es noch die ehrgeizigen Sportler. Sie kommen her, um in kürzester Zeit so fit wie möglich zu werden. Gleichzeitig würden sie am liebsten gern täglich zwei Kilo Körpergewicht verlieren. Ihr Kurpass ist vollgeschrieben, sie glauben, alles mitmachen zu müssen, was angeboten wird.
 
Dabei gilt es zu beachten, dass sich moderates Fasten auch auf die sportliche Leistungsfähigkeit auswirken kann. Zu intensives Training, vor allem in der Anfangsphase der Kur, kann kontraproduktiv sein. „Wir können diese Menschen aber sehr gut verstehen. Man möchte alles, was vielleicht monatelanglang vernachlässigt wurde, im Gesundheitsurlaub nachholen. Der Reiz ist groß, alle Angebote wahrzunehmen.“
„Man muss sich gegenseitig helfen, das ist ein Naturgesetz.“
Platon